„Soziale Innovationen werden über die Zukunft von Unternehmen entscheiden“ Ein Interview mit Zukunftsforscher Michael Carl

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"Soziale Innovationen werden über die Zukunft von Unternehmen entscheiden"
Ein Interview mit Zukunftsforscher Michael Carl

 

Michael Carl "Unternehmen werden Kompetenzen entwickeln müssen, den Wandel als Chancen zu begreifen, Arbeit und Arbeitskraft flexibler und auf Dauer besser zu organisieren", ist Zukunftsforscher Michael Carl überzeugt. Im ddn-Interview erläutert er, wie Unternehmen, Führungskräfte und Beschäftigte den digitalen Wandel erfolgreich gestalten können.

Verschiedene Studien sagen voraus, dass durch die digitale Transformation Hunderttausende bzw. bis zu 18 Millionen Arbeitsplätze verloren gehen können. Machen intelligente Roboter und Softwareprogramme den Menschen in der Arbeitswelt der Zukunft überflüssig?

Nein, das wäre zu schwarz-weiß gedacht. Selbstverständlich verändern die Technologien zur Automatisierung, zur Auswertung großer Datenmengen, für künstliche Intelligenz und Roboter unsere Arbeitswelt erheblich. Sie dringen auch in Bereiche vor, von denen wir vor fünf bis zehn Jahren noch gedacht haben, es sei unrealistisch, dass Roboter hier gleich gut oder sogar besser als Menschen arbeiten können. Und es wird Berufe geben, die wir in Zukunft nicht mehr benötigen. Daraus aber zu schlussfolgern, dies würde den Menschen überflüssig machen, wäre zu kurz gegriffen. Die Menschen werden künftig allerdings sehr viel stärker bereit sein müssen, sich im Lauf ihres Berufslebens zu verändern, sie werden lernen müssen, mit dem Wandel umzugehen und ihn zu gestalten.

Welche Berufe beziehungsweise Berufsgruppen werden durch die Digitalisierung verschwinden?

Alle diejenigen Berufe, in denen es um sich wiederholende, immer gleiche Tätigkeiten geht, die sich reproduzieren lassen, sind in besonderer Weise von Automatisierung bedroht. Betroffen sind aber auch Sachbearbeitertätigkeiten und Bereiche, in denen es um die Aufbereitung von Wissen, um Kalkulation und Kommunikation geht. Selbst klassische Expertenberufen wie Arzt, Rechtsanwalt oder Journalist werden nicht ausgenommen sein, also Experten, denen wir zutrauen, fundierte Urteile über eine komplexe Materie zu treffen.

Welche Auswirkungen wird der technologische Wandel auf Unternehmensprozesse und die Unternehmensorganisation haben?

Wir sehen heute schon Unternehmen, die ihre Produktionsprozesse so umstellen, dass sie zu einer ganz neuen Individualisierung ihrer Produkte in der Lage sind. Zum Beispiel ein Unternehmen wie adidas, das gerade wesentliche Produktionstrecken aus Asien zurück nach Deutschland in eine hochautomatisierte Fabrik geholt hat, mit dem Ziel individuelle Sportschuhe herstellen und in sehr kurzer Zeit ausliefern zu können. Die Fähigkeit, Produkte individuell an wechselnde Kundenbedürfnisse anzupassen, wird künftig ein entscheidender Wettbewerbsfaktor sein und damit auch Produktionsprozesse und Warenströme prägen.

Was werden die einschneidendsten Veränderungen für die Arbeitswelt der Zukunft sein?

Die Veränderungen werden durch zwei Faktoren bestimmt: Zum einen durch den technologischen Wandel, zum anderen durch den demographischen Wandel. In naher Zukunft werden altersbedingt Millionen von Menschen den Arbeitsmarkt verlassen und nicht mehr entsprechend viele junge Menschen in den Arbeitsmarkt hineinwachsen. Trotz der erheblichen Veränderungen durch die Digitalisierung gehen wir daher davon aus, dass bereits Mitte des kommenden Jahrzehnts Vollbeschäftigung in Deutschland herrschen wird, einfach, weil es viel weniger Arbeitskräfte auf dem Arbeitsmarkt gibt. Dadurch werden sich die Kräfteverhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern umkehren. Auf einmal ist der Arbeitnehmer derjenige, der das knappe Gut hat, nämlich seine Arbeitskraft. Jeder, der auch nur halbwegs qualifiziert ist, wird dann jeden Monat Anrufe von Personalvermittlern und Headhuntern bekommen, die ihm neue Arbeitsstellen anbieten. Wir gehen davon aus, dass wir in den kommenden zehn Jahren erheblich weniger auf Dauer bei einem Unternehmen festangestellte Beschäftigte sehen werden, stattdessen mehr sogenannte Projektarbeiter, die regelmäßig neue Herausforderungen suchen und sich nur auf Zeit an einen Arbeitgeber binden.

Wird sich dadurch auch die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten verändern, beispielsweise flachere Hierarchien, demokratischere Strukturen und mehr Selbstorganisation?

Ich kann es mir gar nicht anders vorstellen. Ein stark hierarchisch ausgeprägtes System ist stets ein starres System und ein starres System wird auf Dauer nicht konkurrenzfähig sein. Und Faktoren wie Flexibilität der Arbeitszeit und des Arbeitsortes, sich wandelnde Teams, flache Hierarchien, das sind alles Attraktivitätsfaktoren, die an Bedeutung gewinnen, je mehr ich als Arbeitnehmer die Wahl habe, zu welchem Unternehmen ich gehe.

Die von Ihnen skizzierte Entwicklung stellt Unternehmen vor große Herausforderungen. Was müssen Unternehmen tun, um auf diese Herausforderungen vorbereitet zu sein?

Der Wandel muss bereits heute gestaltet werden. Wer sich zurücklehnt und denkt, das ganze betrifft mich erst in fünf Jahren, für den kann es dann möglicherweise zu spät sein. Unter anderem werden Unternehmen Strategien entwickeln müssen, mit dem Mangel an Arbeitskraft umzugehen. Wir werden erleben, dass sich Unternehmen immer wieder bei ihren eigenen Mitarbeitern bewerben müssen, mit dem jeweils nächsten sinnvollen Projekt, mit dem nächsten Entwicklungsschritt. Entscheidend wird dabei sein, wie flexibel und wandlungsfähig sich ein Unternehmen macht. Das wird ein Schlüsselfaktor sein, um von Arbeitnehmern als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden.

Zum anderen wird es - auch gesamtgesellschaftlich - darum gehen, möglichst viele Menschen möglichst gut zu qualifizieren. Denn je knapper Arbeitskräfte werden, desto mehr sind wir gesellschaftlich darauf angewiesen, dass wir möglichst alle Menschen in unsere Arbeitswelt integrieren. Berufliche Bildung wird dabei eine ganz erhebliche Rolle spielen. Unternehmen werden mehr und mehr dazu übergehen müssen, die Arbeitskräfte, die sie benötigen, so aus- und weiterzubilden, wie sie sie benötigen.

Werden ältere Arbeitnehmer in dieser Arbeitswelt der Zukunft selbst auch eine Zukunft haben? Oder werden sie abgehängt und als erstes aussortiert?

Davon gehen wir aus zwei Gründen nicht aus. Erstens wird die Technologie von morgen, je komplexer und leistungsfähiger sie wird, immer leichter zu bedienen sein. Zweitens werden wir es uns in einer Situation des Mangels an Arbeitskräften schlicht nicht leisten können, dass Beschäftigte mit 60 Jahren in Ruhestand gehen, zumal die Menschen auch immer länger immer fitter bleiben. Wir werden künftig sehr viel flexiblere Übergänge zwischen Berufsleben und Ruhestand sehen. Selbstverständlich werden Menschen mit Mitte 60 nicht 40 Stunden in der Woche schwere körperliche Arbeit verrichten. Aber ihre Erfahrung, das Wissen, die Routinen und die sozialen Kompetenzen sind allemal in flexibel abgestuften Formen wichtig.

Wie können die technologischen Innovationen für soziale Innovationen in den Unternehmen genutzt werden?

Unternehmen werden Kompetenzen entwickeln müssen, den Wandel als Chancen zu begreifen, Arbeit und Arbeitskraft flexibler und auf Dauer besser zu organisieren. Entscheidend wird dabei sein, den eigenen Arbeitnehmern Sinn und Herausforderung zu bieten. Indem Arbeit so modularisiert wird, dass Menschen ihr momentanes Projekt als eine Herausforderung begreifen können, an der sie ihre Stärken zeigen können, an der sie wachsen können, an der sie lernen können. Das wiederum wird auf Dauer nur mit digitaler Unterstützung zu bewerkstelligen sein. Dieser Umgang mit Personal und Arbeit wird über die Erfolgsfähigkeit von Unternehmen in der Zukunft entscheiden.

Welche neuen Herausforderungen kommen durch die digitale Transformation auf Führungskräfte zu? Muss das Thema gute Führung unter den Bedingungen der künftigen Arbeitswelt neu gedacht werden?

Wer die Kultur eines Unternehmens wandeln will, muss mit der Führungskultur beginnen. Denn nur das, was an Kultur vorgelebt wird, kann auch im Alltag Einzug halten. Zum anderen wird Führung künftig vielfach die Organisation von Flexibilisierung bedeuten. Das hat nur noch wenig mit Hierarchie zu tun. Die Führungskraft wird vielmehr im wesentlich zum Coach der Mitarbeiter, der Flexibilität und Lernprozesse unterstützt und möglich macht. Und je modularer Arbeit wird, je mehr Mitarbeiter ständig neu in Unternehmen und Prozesse eingebunden und wieder herausgelöst werden, desto mehr wird auch das persönliche Netzwerk von Führungskräften erfolgsentscheidend.

Was zeichnet den Mitarbeiter in der Arbeitswelt der Zukunft aus? Auf welche Fähigkeiten wird es besonders ankommen?

Natürlich bleiben Kompetenzen wie Teamfähigkeit weiterhin wichtig. Die entscheidenden Kompetenzen der Zukunft werden aus meiner Sicht Wissbegierde sowie Lernbereitschaft und -fähigkeit sein. Der unbedingte Wille, immer weiter dazu zu lernen, neu zu lernen, sich neue Techniken, neue Kompetenzen, neue Fähigkeiten, neues Fachwissen anzueignen, wird den erfolgreichen Arbeitnehmer der Zukunft auszeichnen.

 

Zum Interviewpartner:

Michael Carl verantwortet als "Director Analysis und Studies" beim Think Tank 2b.Head die methodische und inhaltliche Konzeption und Realisierung von Zukunftsstudien. Darüber hinaus leitet er die Entwicklung individueller kundenspezifischer Strategieempfehlungen. Der Zukunftsforscher ist gefragter Keynotespeaker zu Trend- und Zukunftsthemen.

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