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„Gesunde Digitalisierung“ erfordert Gestaltungsspielräume

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"Gesunde Digitalisierung" erfordert Gestaltungsspielräume

EngelWie verändert die Digitalisierung die Arbeitswelt? Wie kann die digitale Transformation gesund und alternsgerecht gestaltet werden? Diesen Fragen widmete sich Thomas Engel, Wissenschaftler am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena als Referent beim ddn-Aktionstag in Erfurt. Kernthesen seines Vortrags erläuterte er im ddn-Interview.

Herr Engel, in den Konzernzentralen vieler Unternehmen schaut man erwartungsvoll auf die technologischen Errungenschaften im Zuge der Industrie 4.0. Sie sehen in der Digitalisierung nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. Welche sind das?

Engel: Neue Technologien und digitalisierte Prozesse werden Betriebsabläufe und Geschäftsmodelle erheblich umkrempeln. Ob Konzerne oder Mittelstand - zunehmender Robotikeinsatz, selbststeuernde Fabrikeinheiten und effizientere Materialnutzung wird tatsächlich nur dann realisiert, wenn sich damit unternehmerische Wachstumsziele besser erreichen lassen. Aber alle technologischen Versprechen werden sich sicherlich nicht einlösen lassen. Ich denke da an die Entlastung für die Beschäftigten von monotonen Routinen, an mehr Mitsprachemöglichkeiten bei der Gestaltung von Arbeitszeit und Arbeitsprozessen oder an die Erreichung ökologischer Ziele. Über die Gefahr von Jobverlusten oder Entwertung von Qualifikationen wird in der Wissenschaft diskutiert, allerdings schwanken die Prognosen sehr stark. Sie finden Zahlen, die von einer Ersetzung knapp der Hälfte der bestehenden Berufe durch Technik ausgehen. Daraus resultieren natürlich auch Einkommens- und Verteilungsfragen. Auch wenn andere Studien deutlich weniger Jobverluste erwarten, stehen wir dennoch vor der gesellschaftlichen Aufgabe, ausreichend Erwerbsmöglichkeiten bereitzuhalten. Hinsichtlich der Entlastungseffekte für die Gesundheit bin ich ebenso skeptisch, weil wir doch in den letzten Jahren ganz andere Erfahrungen gemacht haben. Denken Sie an die psychischen Belastungen aus verdichteten Leistungsanforderungen, aus Arbeitszeitflexibilität und der forcierten Nutzung neuer Kommunikationsmittel wie Emails und Chats.  

Wie kann eine "gesunde Digitalisierung" aussehen, die Beschäftigte durch neue Technologien nicht belastet, sondern entlastet? Welche Leitplanken braucht die Arbeitswelt 4.0?

Entscheidend ist, dass individuelle und kollektive Gestaltungsspielräume für die Beschäftigten ausgebaut werden. Nur wenn über Arbeitszeit, Arbeitsmenge, Arbeitsplanung, neue Werkzeuge, Technik und Abläufe mitentschieden werden kann, wird die Digitalisierung nicht als von außen erzwungener Prozess erlebt. In vielen Betrieben wird von einem "Kulturschock" gesprochen, wenn die Mitarbeiter durch digitale Kalender, Fernwartung oder kollaborierende Roboter ihre gewohnten Routinen verändern müssen. Schauen Sie sich in vollautomatisierten Fabriken die Arbeit an: Dort beobachten wir ermüdende Systemüberwachungsaufgaben, das Füttern von Hochleistungsmaschinen mit Bauteilen und Verpackungsmaterial. Und das alles unter dem Vorzeichen einer auf Effizienz getrimmten, dünnen Personaldecke, die bereits bei normalen Urlaubs- und Krankheitsausfällen unter Druck gerät. Als geeignete Leitplanken sehe ich einen an die neuen Erfordernisse angepassten gesetzlichen Rahmen des Arbeitsschutzes und der Prävention - unterstützt beispielsweise durch eine Anti-Stress-Verordnung, wie sie schon lange zur Orientierung für Betriebe und Beschäftigte gefordert wird.

Welchen Beitrag kann die Digitalisierung leisten, um den demographischen Wandel in den Betrieben besser zu bewältigen?

Das ist eine der spannendsten Fragen: Wird sich der technologische Wandel so vollziehen, dass die Arbeitskraftnachfrage zurückgehen kann, ohne dass zu viele Verlierer auf dem Arbeitsmarkt zurückbleiben? Hier müssen wir derzeit noch spekulieren. Im Einzelbetrieb ist es nicht besonders wahrscheinlich, dass die zunehmenden Renteneintritte genau dann beginnen, wenn eine entsprechende Technik bereitsteht. In Ostdeutschland und in traditionellen Branchen haben wir höhere Anteile an älteren Beschäftigten in den Betrieben. Die Digitalisierung von Geschäftsmodellen und -prozessen findet jedoch eher in einem jungen, dynamischen, wachstumsträchtigen Umfeld statt. Deshalb zieht es dort die Absolventen hin. Das bedeutet aber auch, der künftig steigende Ersatzbedarf aufgrund zunehmender Renteneintritte wird zu einem Rekrutierungsproblem. Es sei denn die Technik macht es möglich, weniger Personal effizienter oder weniger belastet einzusetzen. Für beide Zielstellungen müssten zeitgemäße technische und organisatorische Lösungen entwickelt werden. Das erfordert intensive Gespräche in den Unternehmen, eine enge Zusammenarbeit von Arbeitsplanung, Personal- und Entwicklungsabteilungen, Arbeits- und Gesundheitsschützern und der Interessenvertretungen von Beschäftigten. Wir sehen, die Bewältigung der beiden Trends - demographischer und digitaler Wandel - braucht viele überzeugenden Argumente und einen langen Atem.

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